
Ein Tag zwischen Gewerkschaftsgeschichte, beeindruckenden Einblicken und erschütternder Erinnerung.
Mit einer Gruppe von neun Vertrauensleuten aus unterschiedlichen Unternehmen machten wir uns auf den Weg nach Frankfurt, um am Workshop „Geschichtsort Adlerwerke“ teilzunehmen. Ein Tag, der uns nicht nur interessante Einblicke in die Arbeit der IG Metall ermöglichte, sondern uns vor allem nachhaltig bewegen und nachdenklich stimmen sollte.
Doch bevor wir uns mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte auseinandersetzten, stand am Morgen zunächst ein Besuch im „Roten Turm“, dem Gebäude des IG Metall-Vorstands, auf dem Programm.
Im Main Forum wurden wir herzlich empfangen und erhielten eine spannende Führung durch die wichtigsten Räumlichkeiten. Dabei erfuhren wir viel über den Aufbau des IG Metall-Vorstands, seine Aufgaben und Arbeitsweise sowie darüber, wie und in welchen Abständen dort wichtige Entscheidungen getroffen werden.
Ein ganz besonderes Highlight erwartete uns zum Abschluss: der Blick vom Dach des Gebäudes über Frankfurt. Bei bestem Wetter bot sich uns eine beeindruckende Aussicht auf die Stadt, das Bankenviertel – das berühmte „Mainhattan“ – und die umliegende Region.
Anschließend ging es mit der Straßenbahn weiter zu unserem eigentlichen Ziel: dem Geschichtsort Adlerwerke.
Dort nahm uns Lioba in Empfang. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde führte sie uns zunächst rund um das Gebäude und zeigte uns auch den Turm, in dem von 1944 bis 1945 das Konzentrationslager „Katzbach“ untergebracht war.
Was wir dort erfuhren, ließ uns schnell die Leichtigkeit des Vormittags vergessen.
In den Adlerwerken mussten insgesamt 1.616 Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Sie waren auf engstem Raum zusammengepfercht, litten unter Hunger und katastrophalen hygienischen Zuständen und wurden von den dort eingesetzten SS-Männern gequält und misshandelt. Nur etwa 150 von ihnen überlebten diese schreckliche Zeit.
Heute erinnert im unmittelbaren Umfeld nur noch wenig sichtbar an das damalige Geschehen. Umso erschütternder waren die Dokumentationen, die Berichte und die persönlichen Schilderungen der Überlebenden, mit denen wir uns während des Workshops auseinandersetzen konnten. Sie machten das unvorstellbare Leid der Menschen greifbar und haben uns alle tief bewegt.
Wir können deshalb nur ausdrücklich für die wichtige Arbeit am Geschichtsort Adlerwerke werben. Sie wird zu großen Teilen ehrenamtlich geleistet und verdient unsere Anerkennung und Unterstützung.
Besonders nachdenklich macht uns die Frage, warum es innerhalb des Gebäudekomplexes – abgesehen von diesen Räumlichkeiten – keine dauerhafte Erinnerungsstätte gibt. Ein solcher Ort könnte dazu beitragen, das Bewusstsein für die Geschichte des Konzentrationslagers Katzbach stärker in der Öffentlichkeit zu verankern.
„Wenn es innerhalb des Gebäudekomplexes eine Erinnerungsstätte gäbe, wäre das Bewusstsein für das KZ-Geschehen vielleicht stärker. In diesem Gebäude sind während des Krieges grauenvolle Dinge geschehen. Eine solche Erinnerungsstätte brauchen nicht wir persönlich, sondern künftige Generationen, damit sich ein solches totalitäres System […] nicht wiederholen kann.“
Andrej Branecki (1930–2020), Überlebender des KZ Katzbach
Dieser Tag hat uns gezeigt: Geschichte ist nicht einfach Vergangenheit. Sie ist Auftrag und Verantwortung für unsere Gegenwart und Zukunft.
Erinnern heißt Verantwortung übernehmen.